Donnerstag, 28. April 2016

Tutorial: Halbgefüttertes ärmelloses Etuikleid mit Rückenreißverschluss

Ich habe mal wieder meinen Lieblingsschnitt zum Kleidchen verarbeitet:


Damit es euch nicht langweilig wird, habe ich diesmal Schritt für Schritt fotografiert. Die neuralgischen Punkte sind  das Wenden und der Reißverschluss.

Auf geht's.

Meine Sommer-Etuikleider sind nicht mit Futtertaft gefüttert (klebt, ist nicht nötig, das Prinzip funktioniert aber genauso), aber das Oberteil ist gedoppelt, sodass Einblicke von der Seite oder von oben keine unschönen Abseiten oder Nähte zeigen. Außerdem trägt es sich schön glatt und macht keinen Aufwand beim Bügeln. Und es lässt sich, wenn die neuralgischen Punkte erstmal bewältig sind, vergleichsweise leicht nähen.

So sieht das fertig von innen aus:


Das Innenfutter entspricht im Schnitt genau dem Kleiderzuschnitt und endet vorne knapp oberhalb der Brustabnäher. Hinten wird die Höhe einfach analog fortgesetzt.

Ich wähle gerne feste (Hosen-)Stoffe, leichten Sommerjeans o.ä., gerne mit etwas Lycra darin, querelastisch im Zuschnitt. Da nur exakte Arbeit bei auf Maß geschnitzten Kleidern ein gut sitzendes Ergebnis ermöglicht, hier einmal vorab: Der Stoff wird vor Verarbeitung gewaschen und gebügelt; alle Nähschritte werden jedesmal gründlich ausgebügelt.

Mein Kleid besteht aus 6 Teilen:

Beleg vorne: Versäubern unten und an den Seiten

Belege hinten: versäubern unten, an den Seiten und innen; kleine Abnäher für mich am Halsausschnitt

rückwärtige Kleiderhälften: versäubern an den Außen- und Innenseiten; kleine Abnäher für mich analog denen an den Belegen im Halsausschitt und große Abnäher in der Taille (für mein Swayback)

vorderes Kleiderteil: versäubern an den Seiten; Abnäher seitlich im Brustbereich. Möglich wären auch hier Taillenabnäher, ich habe da lieber keine

Los geht's mit dem Füttern. Die Schulternähte der Kleiderteile werden geschlossen und ausgebügelt. Dasselbe mache ich mit den Belegen vorne wie hinten. Sieht dann so aus:



Da sind es nur noch zwei Teile :). Diese beiden Teile werden nun rechts auf rechts aufeinandergelegt und sowohl am Halsausschnitt als auch an den Ärmelausschnitten exakt zusammengesteckt, Schulternaht auf Schulternaht.






Und zusammengenäht, alle drei Nähte. Nur Mut, das ist wendbar! Tipp: Der Reißverschluss lässt sich besser einbauen, wenn die Enden der Halsausschnittnaht hinten ein paar Zentimeter offen bleiben (bei mir hinter den Abnähern).

Dann werden die 4 dicken Stellen der aufeinandertreffenden Schulternähte ein bisschen zurückgeschnitten, so:
Zusammenfalten und ein Eckchen rausknipsen...

...mit ein bisschen Platz bis zur Naht

Dann noch die Rundungen an den Ärmeln und am Hals alle Zentimeter bis knapp vor der Naht einschneiden, so:

Die letzten beiden Schritte ermöglichen ein exakteres Wenden! So sieht das jetzt aus:




hier die hinten offenen Enden für den RV


Und jetzt kommt der spannenden Augenblick. Das Kleid wird gewendet. Dafür greift man von vorne unter den Beleg in den Tunnel über der Schulter und zieht das jeweils entsprechende halbe Rückenteil samt Beleg einfach durch.

Reingreifen...
...packen und ziehen...
...und durch isses.


Gut ausbügeln, dann sieht das jetzt so aus:


Nun muss noch der RV rein - ich nehme einen nahtverdeckten und nähe ihn mit dem RV-Füßchen fest. Das kann man bestimmt exakter als ich das gemeinhin mache, ich finde es so schon kompliziert genug. Anleitungen hierzu sind Legion, ich versuche jetzt, nicht alles zu wiederholen, sondern zeige die wesentlichen Schritte und verrate ein paar von meinen "Tricks".

Trick 1: Stecken ist sinnlos (weil es eh verrutscht), aber das Anlegen auf einem Tisch oder Bügelbrett statt einfach auf dem Schoß verhindert 50% der üblichen Fehler, vor allem die Verknotigungen beim 2. RV-Teil.

Ich beginne mit der "Schokoladenseite", der linken Kleiderhälfte, und nähe den RV so fest, dass das Ende der Zähnchenkante später recht genau vor den Umbruch zu liegen kommt. RV-Kante liegt haargenau auf der Stoffkante.



 Genäht wird bis ein paar Zentimeter vor RV-Ende. Gut festnähen.



RV schließen und andere RV-Seite an genau derselben Höhe am rechten Kleiderteil anmessen. RV öffnen und analog annähen.

Trick 2: Auch, wenn man nun das Kleiderteil durch den Bogen der Nähmaschine frickeln muss: Dennoch auch diese Naht von oben nach unten nähen, sonst verzieht's.



 Ausprobieren: Ist das wirklich gleich hoch?



Das kann man so durchgehen lassen. Ansonsten greift ...

Trick 3: Wenn der RV jetzt nicht sitzt, ist JETZT der Moment, die schiefere Seite aufzutrennen und nochmal zu versuchen. Später wird's eklig. (Mein Rekord liegt bei 18x Auftrennen).

RV öffnen und die Halsnähte schließen sowie die offenen Mittelseiten des rückwärtigen Belegs annähen. Dabei daraf achten, dass die Halsnähte genau aufeinandertreffen.

Trick 4: Die Belege stecken und von der Seite nähen, auf der bereits die RV-Naht zu sehen ist. Geht am besten mit dem normalen Füßchen.


Wenden und kontrollieren, ob das Ergebnis passt. Wenn nein, zurückdrehen, auftrennen und...#motz Wenn ja, nochmal zurückdrehen und Stoff-Ecken (nicht den RV!) ein bisschen einkürzen. (Aber das wirklich erst, wenn du mit dem Ergebnis zufrieden bist!)



Ich hab mich mit 1 mm Versatz zufriedengegeben...#augen

Jetzt wird die Bodennaht geschlossen. Dazu die rückwärtigen Hälften rechts auf rechts legen, den unteren RV-Schnippel ein bisschen herausziehen, und von unten nach oben genau füßchenbreit zusammennähen, soweit es geht. Ein kleines Löchli bleibt.


Ausbügeln und das lose untere RV-Ende an einer Seite mit ein paar Stichen an die Naht heften.
Sieht jetzt so aus:


Jetzt geht es wie die Feuerwehr: Seitennähte jeweils in einem Zug schließen, die beiden dicken Nahtstellen unter den Armen zurückschneiden wie oben die Schulternähte, plattbügeln und die Belege an den Seitennähten mit ein paar Stichen mit dem Außenteil verbinden. Anprobieren, Saum abstecken und säumen.

Fertig!

So sieht das jetzt von hinten innen aus,...

...so von hinten außen. (Die Faltenbildung hat's an der Puppe, an meinem Poppes sitzt das besser. Ich schneidere ja für mich, nicht für die Puppe :D )




Bleibt noch die Frage, woher den Schnitt kriegen: In fast jeder Schnittmusterzeitschrift findet ihr Etuikleider. Ob die nun im Original Ärmel haben oder nicht, spielt keine Rolle, ihr braucht nur die Schnitte vom Vorderteil und vom (halben) Rückenteil und könnt entsprechend die Belege selbst entwickeln. Die Anpassung auf eure eigene Figur kann z.T. durch Messen und Erfahrung bewältigt werden, aber letztlich gilt hier: Versuch macht kluch. Ein Probekleidchen aus einem ungeliebten Stoff oder aus festem Nessel hilft enorm.

Am schönsten sind diese Kleider in Minilänge oder so gerade eben knielang. Wer es lieber länger hat, sollte wohl hinten einen Schlitz einbauen.

Ich habe hier im Blog diese Kleider auch aus Jersey gezeigt. Dann ist kein rückwärtiger RV nötig, man kann an entsprechender Stelle einfach die Rücknaht schließen. Allerdings muss der Schnitt für elastische Stoffe angepasst werden. Das ist aber ein anderes Kapitel...

Oh, und das Erstellen dieses Tutorials hat etwa doppelt so lange gedauert wie das Nähen des Kleides. 

Viel Spaß beim Nachnähen!

Kommentare:

  1. Das Tutorial ist super! Vielen Dank für deine Mühe, du beschreibst hier genau die Schritte, die ich nie verstanden habe. Tolles Kleid übrigens.

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  2. Danke! Viel Spaß beim Nachnähen!
    (Ich fand vor Jahren den Wendetrick in einem englischen Blog - ohne Fotos - beschrieben und habe nächtelang gegrübelt und im Kopf räumliche Drehübngen veranstaltet, bis ich endlich gerafft habe, wie es geht...)

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  3. Das hast du sehr schön beschrieben und geschrieben :)
    Der Wendetrick ist bei dir echt gut verständlich und genauso deine RV-Tricks.
    Danke für deine Mühe!
    LG Lehmi

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