Samstag, 4. Februar 2012

Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung --- Folge IV

Materialien und Verarbeitung - Woran erkenne ich qualitativ hochwertige Stücke?


Die Qualität eines Kleidungsstückes bemisst sich nach der Qualität der verarbeiteten Stoffe und Tuche und nach der der Verarbeitung selbst. Am Ende dieses Materialkapitels steht noch ein Verarbeitungs-Schnellcheck.

Was die Qualität eines Stoffes ausmacht, liegt an dreierlei Faktoren, nämlich dem Ausgangsmaterial bzw. dem Rohstoff, der Art des Gewebes/ des Gewirkes und der  „Ausrüstung“

Das Ausgangsmaterial
Zunächst werden alle sagen, dass sie Stoffe aus Naturfasern bevorzugen, weil die doch so tolle Eigenschaften haben. Das ist zweifelsohne erstmal richtig, aber man muss auch wissen, dass v.a. Baumwollfasern produktionsbedingt einen großen Anteil kaum einzuschätzender Chemikalien enthalten. Auf der anderen Seite kann man aus Poly-Irgendwas-Fasern tolle Stoffe herstellen (Tactel® für wasser- und windabweisende Jacken, Softshell und Fleece, Gore-Tex® und Co....), aber natürlich auch fies-klebrige Nylonstrümpfe, die u.U. auch ihre Berechtigung haben.

Die wichtigsten Naturfasern für Kleidungsherstellung zerfallen in zwei Gruppen:
A Pflanzenfasern
Baumwolle, Kapok (Samenfasern)
Bambus, Hanf, Jute, Leinen, Ramie (Bastfasern)

B tierische Fasern/ Eiweißfasern

Wolle :
  • Schafwollen, meist durch jährliches Scheren gewonnen und auch als Schurwolle  bezeichnet, je nach Schaf auch danach (Rhön-/ Merino...)
  • Lama-/ Kamelwolle (Alpaka, Lama, Vikunja, Guanako, wird ausgekämmt, Kamelhaar wird jährlich abgeworfen, gesammelt und verarbeitet) 
  • Angora  (Haare vom Angorakaninchen), Kanin (gewöhnliche Kaninchenhaare) sind sehr fein, glatt und sehr leicht. Da sie Wasserdampf gut aufnehmen, sind Stoffe aus Kanin sehr warmhaltend 
  • Kaschmir gewinnt man durch Auskämmen und Sortieren der Flaum- oder Grannenhaare der Kaschmirziege 
  • Mohair  bezeichnet die Haare der Angora- oder Mohairziege. Sie sind lang, leicht gelockt und glänzend.
Seide:
  • Maulbeerseide  (Zuchtseide) wird aus dem Kokon des Maulbeerspinners, der Seidenraupe gewonnen.
  • Tussahseide  (Wildseide) wird aus dem von Bäumen und Sträuchern gesammelten Kokon des wildlebenden Tussahspinners hergestellt. Da hier der Schmetterling meist ausgeschlüpft ist, sind die Fasern kürzer und nicht abhaspelbar.
Die tierischen Fasern sind heute eher etwas Besonderes, zur Pflege muss man nur wissen, dass Eiweißfasern beim Erwärmen nicht bewegt werden dürfen, sonst filzen (Wolle) oder zerbröseln (Seide) sie. Daher gehören sie in den Wollwaschgang oder die Handwäsche, das Kleidungsstück dabei bitte auch nicht reiben und kneten!
Eiweißfasern sind temperaturausgleichend, sie wärmen im Winter und kühlen im Sommer. Aber sie sind halt teuer und pflegeaufwendig. Einiges an Pflegeaufwand kann man heute dadurch einsparen, dass man das Material „ausrüstet“: Man kann durch Erwärmen der kardierten Wolle (also nach dem Reinigen und Kämmen der Stapel) den Filzvorgang weitgehend vorwegnehmen, sodass Wolle mit Einschränkungen in die Maschine kann (Stichwort "superwash"). Dagegen ist nicht viel einzuwenden, das ist eine sog. thermo-mechanische Ausrüstung, die keinerlei Rückstände auf der Haut hinterlässt. Allerdings geht ein guter Teil der ureigenen Materialeigenschaften verloren. Bei Socken ist das ein Kompromiss, den man meines Erachtens eingehen kann, weil unbehandelte Schurwolle eben reibungsempfindlich ist und an den Füßen erst filzt und dann abreibt, heißt, die Socken halten nicht lange. Man hat aber in den vergangenen Jahrzehnten auch Seide und Wolle mit einem chemischen Mantel um die Faser bedampft. Das Ergebnis sah aus wie Seide und Wolle, fühlte sich aber an wie Plastik und verhielt sich auch etwa wie eine angezogene Mülltüte. Davon ist man zum Glück heute ein gutes Stück abgekommen, was v.a. damit zusammenhängt, dass die tierischen Rohstoffe in der Gewinnung sehr teuer sind und man hiermit eher auf ein zahlungskräftiges, etwas elitäres Publikum schielt, das sich dann auch die Reinigung leisten kann, dafür aber wunderbare Stoffe genießen will.Wenn Wolle- oder Seidenartikel unverhältnismäßig preiswert erscheinen, hat man aber vermutlich genau so einen Chemococktail in Händen.

Von den Pflanzenfasern hat Baumwolle schon vor langer Zeit den Siegeszug angetreten, was v.a. daran liegt, dass man sie im großen Stil anbauen, mit allerlei Hilfsmitten ihren Ertrag steigern, sie lagern und am Weltmarkt handeln, darauf spekulieren und sie zu allem Möglichen verarbeiten kann. Baumwolle hat aber in der Ernte einen großen Nachteil: Sie hat viele Wochen lange Fruchttragzeit, was auch die trickreichsten Züchtungen nicht überwinden können. Erntet man also maschinell, hat man immer überreife und unreife Kapseln mit ein der Maschine, die sich nur zum Teil mechanisch auslösen lassen. Qualitativ hochwertige Baumwolle muss in vielen Durchgängen reif handgepflückt werden, was logischerweise teurer ist. Andererseits kann man, erwischt man ein Produkt aus solcher Baumwolle („Mako“-Baumwolle z.B.), sicher sein, dass die Pflanzen vor der Ernte nicht mal eben mit Agent Orange entlaubt wurden, was sich neben einigem anderen Zeugs zum Aussortieren unerwünschter Pflanzenreste und diversen Pflanzenschutzmitteln in der Monokultur etc. in euren Shirt wiederfindet...

Der Weltmarktanteil an Biobaumwolle beträgt derzeit etwa 1%. Seltsamerweise ist ein Vielfaches davon in der weltweit umgeschlagenen Baumwollproduktion angeblich aus Biobaumwolle. Bei einem Test der Stiftung Warentest konnte 2011 nur hess natur wirklich sicher nachweisen, dass sein Bio-T-Shirt aus Biobaumwolle ist. Über den Faktor „bio“ hinaus gibt es aber noch andere Faktoren (soziale Ausbeutung wie Kinderarbeit etwa), die einen schlucken lassen beim Kleiderkauf, andererseits, und das wollte ich mit dem Beispiel des Handpflückens oben andeuten, kann Baumwolle auch hochwertig sein, ohne dass sie gleich bio sein müsste.

Leinen lässt sich interessanterweise überhaupt nicht chemisch irgendwie leichter ernte- oder verarbeitbar machen, die mechanischen Verarbeitungsmethoden sind uralt. Insofern ist Leinen quasi immer bio.

Hanf schließlich könnte Baumwolle in vielen Bereichen leicht ersetzen. Aber da gibt es eine Rauschmittelverordnung in Deutschland, die den Anbau schwierig macht. Eine Jeans aus Hanf würde ich gerne probieren.

Das waren aber streng genommen noch nicht alle Stoffe aus natürlichen Substanzen, denn es gibt auch noch Kunstfasern aus natürlichem Rohstoff. Das sind alles zellstoffbasierte Fasern, die nach unterschiedlichen Verfahren und mit unterschiedlichen Eigenschaftsdesigns entwickelt worden sind. Zu nennen sind hier Viskose, Modal, Tencel® und Lyocell

Diesen Vorteil haben auch Chemiefasern, also irgendwelche Poly-Derivate. Sie nehmen praktisch keine Feuchtigkeit auf, was u.U. erwünscht sein kann, etwa in Sportfunktionswäsche, wo sie die Feuchtigkeit nach außen leiten, ohne selber nass zu sein. Die wichtigsten Chemiefasern sind Polyester, das sehr reiß- und scheuerfest ist und daher oft als Beimischung zur Stabilisierung verwendet wird (Diolen®, Trevira®), und Polyamid (Nylon, Perlon®....), das quasi gar nicht knittert.


Die Stoffart
Man unterscheidet Gewebe und Gewirke. 

Gewebe/ Webware wird im Grunde nach dreierlei Prinzipien hergestellt: In Leinwandbindung, also eins drüber, eins drunter, wie wir das in der Grundschule am Webrahmen gemacht haben, in Köperbindung, wo nach bestimmten Prinzipien mehrere Fäden zusammen überwebt werden, und in Atlasbindung, wo mit langen Fadenketten gearbeitet wird. Damast oder Jacquard sind Varianten der Köperbindung.
Je nach Ausgangsmaterial und Webfestigkeit entstehen höchst unterschiedliche Stoffqualitäten.

Gewirke sind Strickstoffe. Man unterscheidet im Wesentlichen Jersey („Single“ Jersey ist dünn und quasi glatt rechts gestrickt, rollt sich also leicht auf) und Sweat (aus dickerem Stoff glatt rechts gestrickt und meist von links angerauht) sowie Interlock (im Grunde patent oder halbpatent gestrickt, sehr gerade und stabil). Sonderformen sind mehrfädig gestrickte Gewirke (Kettenwirkware), die mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden sind, sich aber weniger aufrollen.

Alle Gewirke werden heute im Schlauch gestrickt, was bewirkt, dass sie sich minimal (Interlock) oder z.T. sehr stark (Single Jersey, zudem mauer Qualität) diagonal verziehen, meist nach der 1. Wäsche. Ihr habt alle solche verdrillten Shirts im Schrank, vermute ich. Beim Selbermachen hilft, den Stoff vor Verarbeitung zu waschen, aber wenn man fertig Konfektioniertes kauft, ist es Glücksspiel.

Die Kombinationsmöglichkeiten von Material und Verarbeitungsweise sind unendlich. Auf dieser Site findet ihr sehr hochwertige Stoffe. Klickt euch mal durch, um zu sehen, welche Unterscheidungskriterien da so aufgetan werden – wenn da Neuzugänge verzeichnet werden, finde ich oft auch erstmal vor allem "böhmische Dörfer".

Wie erkenne ich denn jetzt gute Qualität bzw. was soll ich kaufen?
Von der Ausgangslage her gibt es keine „guten“ und „schlechten“ Rohstoffe, alle haben Eigenschaften, die geeignet sein können oder eben nicht. Am Beispiel der Baumwolle kann man schon erkennen, dass bereits bei Anbau und Ernte darüber entschieden wird, ob das Material mal ein "gutes" Kleidungsstück werden kann. 

Auch die Art des Gewebes oder Gewirkes ist nicht per se zu beurteilen, sondern jeweils gemäß dem Zweck. Feste Stoffe kaschieren gut, sind aber oft sperrig und täuschen mehr Körperfülle vor als vorhanden. Fließende Materialien hingegen verraten viel mehr, als uns lieb ist. Ich bevorzuge sie für Unterwäsche, sonst eher nicht. Gewirke fließt eher als Gewebe.

Oft ist nicht drin, was draufsteht. Das oben angegebene Beispiel mit der Biobaumwolle veranschaulicht das. Häufig ist mehr Kunstfaser drin als angegeben. Ob der Stoff (Leinen, Baumwolle, aber auch Fleece) pillt oder nicht, weiß ich erst nach 2x Tragen, egal, was der Hersteller verspricht. Ob der Stoff sich verzieht oder labberig wird, weiß ich erst nach der dritten Wäsche. Es ist ein Mysterium. Was soll ich tun?

Nun, es gibt zwei Wege, Qualität zu erkennen:
Faustregel 1: Markenstoffe (erkennbar am ® im Wäschezeichen, v.a. bei Kunstfasern wichtig) verhalten sich zuverlässiger. Ich kaufe zum Selbernähen ausschließlich Stoffe von verlässlichen Markenanbietern (Hilco, Westfalen, Stenzo, Bizzkidds, Florence, Anita Pavani...) und wasche sie vor Verarbeitung, z.T. mehrfach; bei Konfektion aber muss man gerade bei Nichtmarkenkleidung meist auf Regel 2 zurückgreifen: Erfahrung.
Geht mal euren Schrankinhalt durch. Da gibt es Sachen, sie sind –zigmal gewaschen worden und immernoch schön. Was ist das für ein Material? Welche Firma hat das Kleidungsstück hergestellt? Schaut euch den Stoff genau an, was macht ihn aus? Vergleicht ihn mit einem schnell verschlissen wirkenden Stück. Was ist anders?
Im Laden fühlt den Stoff. Ist da irgendein „Zeug“ drauf – Ausrüstungsrückstände, die nach Auswaschen einen Putzlappen zurücklassen? Riecht er komisch? Das ist ein Hinweis auf Chemiebedampfung zur Vortäuschung falscher Tatsachen.
Schaut auf die Verarbeitung. Hersteller mit Anspruch werden gute Stoffe sauber verarbeiten. Strick: Ist es „fully fashioned“ oder einfach in Form geschnitten? Shirts: Sind die Ärmel erst zusammengenäht und danach erst umgesäumt, d.h. gibt es saubere Abschlüsse? Treffen unter dem Arm die 4 Nähte in einem exakten Kreuz aufeinander? Hosen: Ist die Hose von innen genauso sauber verarbeitet wie von außen? Alle Nahtzugaben sauber auseinandergebügelt?
Mehr kann man kaum tun – Fehlkäufe aber nachtragend merken und die Marke meiden. Ich hab auch schon Sachen nach der 1. Wäsche umgetauscht, wenn die verzogen waren, aber meist sind die Kaufhäuser und Boutiquen da wenig kulant.
Bleibt noch das schlechte Gewissen in Anbetracht der Umweltsauerei und der sozialen Ungereimtheiten gerade in der Bekleidungsindustrie. Die Arte-Dokumentation "Schick, aber schädlich" öffnet da wirklich erschreckende Dimensionen neuer Sichtweisen. Auch die NDR-Produktion Der Preis der Blue-Jeans zum Thema ist interessant. Meine - noch nicht zufriedenstellende, aber immerhin fürs erste hinreichende - Antwort darauf ist, nach wirklich Hochwertigem Ausschau zu halten, Fehlkäufe zu vermeiden und so eher wenige Stücke eher lange tragen zu können. Bei Kinderkleidung bleibt der Weg, über Second-Hand die Produktion von unverantwortbaren Massen nicht noch anzuheizen. Und natürlich gilt es, hier wie dort Billigprodukte von Massenketten zu meiden. Mein persönlicher dritter Weg ist die eigene Herstellung (garantiert kinderarbeitsfrei) von Kleidung aus sehr hochwertigen, in aller Regel in Europa nach brauchbaren Umwelt- und Sozialstandards gefertigten Materialien.

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