Posts mit dem Label Schneiderinnentipps werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schneiderinnentipps werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 6. Februar 2012

Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung --- Folge V

Hosen


Eine passende Hose von der Stange zu finden ist ein Glückstreffer. Beim Schneidern lernt man, dass jeder Hosenschnitt für jede Figur angepasst werden muss – und angepasst werden kann. Und wenn ein anderes Material verwendet wird, muss dieser optimierte Schnitt wiederum modifiziert werden.

Die Modekonzerne verwenden meist zwei bis drei Basisschnitte, die dann in den Details wiederum verändert werden. Insofern ist die Erfahrung, dass mir Hosen von der Marke XY oft gut passen, hilfreich, aber nicht allein seligmachend. Fertigungstoleranzen (das eine Modell wird in Taiwan, das andere in Madagascar gefertigt) sind oft größer als gedacht.

Verändert sich die eigene Figur, z.B. nach einer Schwangerschaft, kann es sein, dass man neu zu suchen beginnen muss, denn einfach eine Nummer Größer hilft oft nichts: Der Schnitt für Gr. 38 wird für Gr. 42 manchmal insgesamt größer, oft aber auch nur weiter gemacht. Hat sich aber die eigene Figur nicht rundum gleichmäßig verändert (was ja auch irgendwie verwunderlich wäre), sondern ist etwa nur der Bauch runder und empfindlicher geworden, passt das so nicht mehr.

Die Konfektionsgrößen der Bekleidungskonzerne sind nicht genormt. Das ist eigentlich logisch, wozu auch, man kann ja anprobieren. Eigenartig ist dabei folgende, oft zitierte Erfahrung: Je teurer die Marke, desto kleiner die eigene Größe. Bei Esprit etwa passt mir locker Größe 40, bei Qieró oder HundM muss ich 42 nehmen. Den direkten Vergleich mit den ganz teuren Labels hab ich nicht, aber vielleicht ihr? Obwohl ich weiß, dass die Größe nichts über mich aussagt, scheue ich immer wieder davor zurück, italienische Marken zu probieren, weil ich da aufgrund eines anderen Größenberechnungssystems Gr. 46 mindestens antesten müsste. Überlegt selber, wie immun ihr durch die Schmeicheleien einer scheinbar kleinen Größe als Kaufanreiz seid? 

Zu den Hosenformen: Es gibt Massen davon und die meisten sehen an Frauen, die nicht wie eine Schaufensterpuppe gebaut sind, bescheiden aus. Natürlich kannst du auch so eine kaufen und dich darin mögen, aber die Wahrscheinlichkeit ist gering und ein Basic ist das bestimmt nicht. Wenn du so eine Hose kaufst, dann nimm sie auch in wilden Mustern oder Knallfarben, es mag Tage geben, wo frau so eine Bux braucht.
Hier geht es mir um Basics, von denen frau so zwei braucht. Ich empfehle neutrale Farben, ausgehend von den Lieblingsschuhen, was vielleicht jahreszeitenabhängig ist. Meine Schuhe im Winter sind schwarz und braun, sodass ich eine Jeans,  (zu deren Spezifika komme ich gleich noch), eine braune und eine schwarze Basic-Hose brauche. Im Sommer habe ich (zu) viele bunte Schuhe, sodass ich eher neutrale Hosenfarben bevorzuge: Ich benötige dann  eine leichte Jeans, eine hell-khakifarbene Hose und eine weiße.
Zurück zu den Formen: Allen Frauen stehen lange Hosen. Allen Frauen stehen Hosen, die um Taille bzw. Hüfte schmal anliegen und nicht auftragen und nach unten hin gerade fallen. Diese Hosen dürfen auf dem Schuh aufliegen, also einen kleinen Knick bekommen. Frauen mit kräftigen Oberschenkeln stehen auch Hosen mit Schlag, die also bis knapp überm Knie schmal anliegen und dann mehr oder weniger schwungvoll aufspringen. Schlaghosen sollten bodenlang sein, abeim Kauf die dazu zu tragende Absatzhöhen bedenken! Frauen mit weiblichen Hüften (die Oberschenkelform ist dabei wurscht) stehen auch Marlenehosen, also nur eben bis zur Hüfte anliegend und dann weit und gerade sind. Auch diese Hosen dürfen bodenlang sein. Bleistifthosen, also Hosen, die nach unten hin schmal zulaufen, stehen nur Frauen, die sehr schlanke Beine haben und dabei einen ausgeprägt kräftigen Oberkörper. Bundfalten sind ein absolutes No-go. Sie sind erfunden worden, damit Männer, deren Hosen im Übrigen vorne deutlich unterhalb der Taille sitzen sollten, ihr bestes Stück auch in schmalen Hosen gut verstaut kriegen. Bei Frauen ergeben Bundfalten im besten Fall ein überflüssiges Beutelchen Luft, das uninspiriert unterhalb der Taille hängt. Meist täuschen sei aber einen ordentlichen Bauch vor, wo keiner ist, oder verschlimmbessern den Eindruck des eigentlich kaschiert haben wollenden vorhandenen.

Im Sommer liegt der Kauf kürzerer Hosen nahe. Sind die Unterschenkel wohlgeformt, sind knieumspielende Längen fein, dann am besten insgesamt schmal geschnitten. Eher selten dürften die Knie erwachsener Frauen noch bermuda- oder shortstauglich sein. Aber wenn: Nur zu!
Was bei allen außer sehr kleinen Frauen geht, sind knöchelfreie Längen. Hier gelten die Zuordnungen wie oben: Schmal zulaufende Hosen für toplastige Frauen, Marlenehosen für Frauen mit sehr weiblichen Hüften, gerade Hosen für alle. Schlaghosen sehen anders als ganz bodenlang allerdings bescheuert aus (Entschuldigung!), sie entfallen hier oder firmieren unter „besondere Hosenformen in Ausnahmefällen“, s.o.

Hosen sollten also, wie gesagt, im taillen- und hüftbereich sowie um den Popo herum anliegend sein – niemals eng! Auch nicht an den Beinen! Ein absoluter modischer Fauxpas! – und nicht herumschlabbern. In der Taille eingekräuselte Gummibundhosen mögen für den Hausanzug angehen, aber ein Zuviel an Stoff – wo auch immer – führt zur Vortäuschung von gleich mehrere Kleidergrößen überspringenden Kilobergen. Siehst du dich mit so einer Hose ein einziges Mal bewusst im Spiegel, bleibt sie im Schrank. Und es wäre schade ums Geld. 

Bleibt noch die Taschenfrage. Taschen tragen auf. Taschen sind praktisch. Mein Kompromissvorschlag: Eingrifftaschen vorne gern, wenn sie schön flach anliegen. Popotaschen hinten als Zierde, man kann ohnehin nicht mehr als einen kleinen Einkaufszettel hineintun. pattentaschen hinten oder weit aufspringende Taschen vorne, gar Cargotaschen – lass es.

Vorab noch ein paar Worte zum Material: Vermutlich werden die meisten sofort „Naturmaterial!“ sagen und Baumwolle denken. Im Kapitel Materialkunde (Teil IV) ist erklärt worden, was das mit Natur und Baumwolle so auf sich hat und warum man daran kaum vorbeikommt. Hier nurnochmal so viel: Die Ausgangsfaser, die Bindung (das ist das Webverfahren) und der Schnitt haben großen Einfluss darauf, wie sich die Hose beim Tragen und beim Waschen verändert. Warum die Hersteller die konfektionierte Ware nicht einmal vorwaschen können, entzieht sich meinem Verständnis. (Arbeitshypothese: Nach der ersten Wäsche sehen die billigen Stoffe auch danach aus... – aber auch Hersteller von Nobelmarken tun das nicht .) 

Alle Hosen aber laufen ausschließlich in der Länge ein – das hängt mit dem Verarbeitungsvorgang zusammen; beim Waschen schrumpfen sie auch in der Weite, dehnen sich dann aber wieder. Genauer: Beim Tragen gewinnen sie ausschließlich in der Weite. Achtung: Bei Jeans  und bei Twillhosen - reine Baumwolle mit Köperbindung - ist dieser Weitenzuwachs enorm, kann bis zu 8% ausmachen. Daher dürfen diese Hosen beim Kauf ziemlich spack sitzen. Die Grundregeln verändern sich aber nicht.
Ist also eine favorisierte Hose zu lang, lass sie erst nach der ersten Wäsche kürzen. Ist sie so gerade passend, bedenke, dass sie bis zu 5% einlaufen kann. Baumwolle und Leinen tun das in aller Regel, meist um 3%. Ein Schuss Elasthan (1-2% am besten Lycra – mehr ist sinnlos bis kontraproduktiv) verhindert allzu großen Passformverlust beim Tragen, verbietet aber auch die Trocknerbenutzung. Modalfaser macht glücklich, das ist ein wunderbares Zeug, bis 50% würde ich jederzeit empfehlen. Das sollte als kleiner Materialkundeexkurs hier genügen.

Nun geht es daran, wenigstens einigermaßen passende Hosen zu finden. Zunächst zu den drei Passformtricks, die ihr in einem Spiegel überprüfen solltet. Nehmt euch zum Hosenkaufen einen großen Handspiegel mit, denn ihr sollt ja auch den Sitz der Hose am Popo ohne Yogaübungen überprüfen können.
Gehe folgendermaßen vor (fast eine Gebrauchsanleitung): Hose ohne kritischen Blick in den Spiegel und ohne vergleichendes Schielen auf den Preiszettel probieren (wir wollen eine oder zwei Hosen haben, die wirklich gut sitzen, nicht fünf oder zehn, die so lala sind und deshalb im Schrank hängen. Drum darf die gerade Anprobierte auch mal ein bisschen teurer sein, das rechnet sich). Nur dann, wenn sich die Hose rundrum gut passend anfühlt – nichts kneift, nichts rutscht, nichts schlabbert (Beinlänge ist dabei ziemlich egal, weil leicht änderbar) – dann tritt vor den Spiegel und überprüfe:
Ist die Seitennaht gerade?
Was soll das? Nun, ich habe eine Taillenweite von 82 cm. Man sollte nun meinen, dass in einem Hosenschnitt die Hälfte davon (41 cm) vornerum und die andere Hälfte hintenrum anfallen. Tatsächlich ist im Vergleich dazu meine Hüftweite logischerweise so proportioniert, dass ich hintenrum mehr Platz beanspruche, weil ich da einen Popo in der Hose stecken habe. Wenn die Schnitteile nach oben zur Taille konisch zulaufen, wird vermutlich das hintere Hosenteil eher den größeren Anteil an der Taillenweite haben als das vordere. In meinem Fall ist es aber so, dass sich die 82 cm Taillenweite auf 51 cm vorne und 31 cm hinten verteilen. Das ist zum Einen meinem Hohlkreuz (ich mag den englischen Ausdruck: Swayback ) zu verdanken, zum anderen ist mein Bauch nach zwei Geburten nicht mehr so fest und flach, wie er das vielleicht mal war. 

Hosenschnitte, die darauf gar nicht eingehen, passen mir nicht. Nun ist meine Maßverteilung vielleicht besonders deutlich ungleich, aber nicht sooo selten, dass die Modekonzerne nicht drauf gekommen wären, dass die Hosen für nicht mehr ganz junge Frauen ein bisschen Bauchzugabe haben sollten. Zu erkennen ist das beim Kauf daran, dass die Seitennaht auch im Taillenbereich gerade ist und nicht etwa nach vorne zeigt. Ich muss gestehen: eine so passende *gekaufte* Hose besitze ich nicht. 


Hier sieht man, dass die Seitennaht der links abgebildeten Hose an den oberen paar Zentimeter ein bisschen nach vorne geneigt ist. Hinten kann die Hose dennoch zu weit sein. Die rechts abgebildete Hose passt - Kunststück, die gezeichnete Figur hat auch einen flachen Bauch. Aber das muss nicht sein, dass Hosen grundsätzlich nur Flachbäuchigen passen!


Manchmal ist das Ungleichgewicht nur geringfügig und führt weder zum Kneifen am Bauch noch zu Rutschtendenzen wegen zu großer Weite, und wenn grundsätzlich ein längeres Oberteil darüber getracgen werden soll, daher darf die Hose in meinem Schrank wohnen und wird gerne getragen. Was gekaufte Hosen angeht, ist das das Optimum, das ich erreiche. Messt mal bei euch selber nach, ich vermute, bei den meisten von euch werden Vorder- und Rückseite nicht gleich sein.

Diese Passformüberprüfung ist also je nach Tragevorhaben noch ansatzweise négligeable.

Ist die Schrittnaht passend?
Überprüfe, ob sich „smiles in the crotch“ bilden. Das sind leicht nach oben zeigende Falten im vorderen Schrittbereich, die wie ein Lächeln aussehen. Sie resultieren daraus, dass die inneren Oberschenkel etwas mehr Stoff bräuchten, als die Hose zu bieten hat. Oft gehen sie einher mit aufspringenden Taschen. Bei längerem Tragen würde die Hose nach oben „krabbeln“ und überhaupt nicht mehr sitzen. Dieser Schnitt ist nicht für dich gemacht, häng die Hose wieder weg, sorry.


Umgekehrt könnte natürlich auch zu viel Stoff da sein, wenn du sehr schlanke Oberschenkel hast. Dann bilden sich Längsfalten. Wenn du das in Ordnung findest, dann kannst du die Hos dennoch weiterhin in die engere Wahl ziehen, dieser Fehler zieht keine weiteren nach sich (gleichwohl würde die Schneiderin hier ein bisschen korrigieren wollen).

Wo steckt der Popo?
Idealerweise sollte jede, aber auch wirklich jede Hosenform deinem Popo schmeicheln. (Ich meine, darauf gucken die Jungs zuerst, hm?) Dein Po sollte also gut passend verpackt sein. Jetzt kommt der Handspiegel zum Einsatz: Betrachte dabei über die Schulter deinen Allerwertesten im Spiegel. (Würdest du dich verdrehen, um selbigen zu betrachten, würde sich die Hosenpassform verändern). Erkennt man noch zwei Halbkugeln und nicht etwa ein „Ei“? Sind sie nicht platt- und breitgedrückt, sondern wohlgerundet? Schneidet die Hose auch nicht zu sehr ein? Sitzt die Hose überall gleichmäßig fest? Sind die Taschen – sofern vorhanden – als Hingucker geschickt platziert oder „schielen“ sie sogar? (Der Popomuskel, gluteus maximus, ist unser stärkster Muskel. Selbstverständlich ist er beim Stand- und Spielbein unterschiedlich stark entwickelt. Insofern ist es normal, dass unser Popo ein bisschen asymmetrisch ist. Je nachdem, wo Hosentaschen platziert sind, kann das ungünstig hervorgehoben werden. Sehr ungünstig .)

Das war alles. Ist eine Hose übriggeblieben? Gut, kauf sie und freu dich dran. Nicht? Geh einen Kaffee trinken und mach dir einen schönen Tag, du hast heute kein Geld zum Fenster rausgeschmissen für eine nicht passende Hose, die nur in deinem Schrank abgehangen hätte.

Samstag, 4. Februar 2012

Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung --- Folge IV

Materialien und Verarbeitung - Woran erkenne ich qualitativ hochwertige Stücke?


Die Qualität eines Kleidungsstückes bemisst sich nach der Qualität der verarbeiteten Stoffe und Tuche und nach der der Verarbeitung selbst. Am Ende dieses Materialkapitels steht noch ein Verarbeitungs-Schnellcheck.

Was die Qualität eines Stoffes ausmacht, liegt an dreierlei Faktoren, nämlich dem Ausgangsmaterial bzw. dem Rohstoff, der Art des Gewebes/ des Gewirkes und der  „Ausrüstung“

Das Ausgangsmaterial
Zunächst werden alle sagen, dass sie Stoffe aus Naturfasern bevorzugen, weil die doch so tolle Eigenschaften haben. Das ist zweifelsohne erstmal richtig, aber man muss auch wissen, dass v.a. Baumwollfasern produktionsbedingt einen großen Anteil kaum einzuschätzender Chemikalien enthalten. Auf der anderen Seite kann man aus Poly-Irgendwas-Fasern tolle Stoffe herstellen (Tactel® für wasser- und windabweisende Jacken, Softshell und Fleece, Gore-Tex® und Co....), aber natürlich auch fies-klebrige Nylonstrümpfe, die u.U. auch ihre Berechtigung haben.

Die wichtigsten Naturfasern für Kleidungsherstellung zerfallen in zwei Gruppen:
A Pflanzenfasern
Baumwolle, Kapok (Samenfasern)
Bambus, Hanf, Jute, Leinen, Ramie (Bastfasern)

B tierische Fasern/ Eiweißfasern

Wolle :
  • Schafwollen, meist durch jährliches Scheren gewonnen und auch als Schurwolle  bezeichnet, je nach Schaf auch danach (Rhön-/ Merino...)
  • Lama-/ Kamelwolle (Alpaka, Lama, Vikunja, Guanako, wird ausgekämmt, Kamelhaar wird jährlich abgeworfen, gesammelt und verarbeitet) 
  • Angora  (Haare vom Angorakaninchen), Kanin (gewöhnliche Kaninchenhaare) sind sehr fein, glatt und sehr leicht. Da sie Wasserdampf gut aufnehmen, sind Stoffe aus Kanin sehr warmhaltend 
  • Kaschmir gewinnt man durch Auskämmen und Sortieren der Flaum- oder Grannenhaare der Kaschmirziege 
  • Mohair  bezeichnet die Haare der Angora- oder Mohairziege. Sie sind lang, leicht gelockt und glänzend.
Seide:
  • Maulbeerseide  (Zuchtseide) wird aus dem Kokon des Maulbeerspinners, der Seidenraupe gewonnen.
  • Tussahseide  (Wildseide) wird aus dem von Bäumen und Sträuchern gesammelten Kokon des wildlebenden Tussahspinners hergestellt. Da hier der Schmetterling meist ausgeschlüpft ist, sind die Fasern kürzer und nicht abhaspelbar.
Die tierischen Fasern sind heute eher etwas Besonderes, zur Pflege muss man nur wissen, dass Eiweißfasern beim Erwärmen nicht bewegt werden dürfen, sonst filzen (Wolle) oder zerbröseln (Seide) sie. Daher gehören sie in den Wollwaschgang oder die Handwäsche, das Kleidungsstück dabei bitte auch nicht reiben und kneten!
Eiweißfasern sind temperaturausgleichend, sie wärmen im Winter und kühlen im Sommer. Aber sie sind halt teuer und pflegeaufwendig. Einiges an Pflegeaufwand kann man heute dadurch einsparen, dass man das Material „ausrüstet“: Man kann durch Erwärmen der kardierten Wolle (also nach dem Reinigen und Kämmen der Stapel) den Filzvorgang weitgehend vorwegnehmen, sodass Wolle mit Einschränkungen in die Maschine kann (Stichwort "superwash"). Dagegen ist nicht viel einzuwenden, das ist eine sog. thermo-mechanische Ausrüstung, die keinerlei Rückstände auf der Haut hinterlässt. Allerdings geht ein guter Teil der ureigenen Materialeigenschaften verloren. Bei Socken ist das ein Kompromiss, den man meines Erachtens eingehen kann, weil unbehandelte Schurwolle eben reibungsempfindlich ist und an den Füßen erst filzt und dann abreibt, heißt, die Socken halten nicht lange. Man hat aber in den vergangenen Jahrzehnten auch Seide und Wolle mit einem chemischen Mantel um die Faser bedampft. Das Ergebnis sah aus wie Seide und Wolle, fühlte sich aber an wie Plastik und verhielt sich auch etwa wie eine angezogene Mülltüte. Davon ist man zum Glück heute ein gutes Stück abgekommen, was v.a. damit zusammenhängt, dass die tierischen Rohstoffe in der Gewinnung sehr teuer sind und man hiermit eher auf ein zahlungskräftiges, etwas elitäres Publikum schielt, das sich dann auch die Reinigung leisten kann, dafür aber wunderbare Stoffe genießen will.Wenn Wolle- oder Seidenartikel unverhältnismäßig preiswert erscheinen, hat man aber vermutlich genau so einen Chemococktail in Händen.

Von den Pflanzenfasern hat Baumwolle schon vor langer Zeit den Siegeszug angetreten, was v.a. daran liegt, dass man sie im großen Stil anbauen, mit allerlei Hilfsmitten ihren Ertrag steigern, sie lagern und am Weltmarkt handeln, darauf spekulieren und sie zu allem Möglichen verarbeiten kann. Baumwolle hat aber in der Ernte einen großen Nachteil: Sie hat viele Wochen lange Fruchttragzeit, was auch die trickreichsten Züchtungen nicht überwinden können. Erntet man also maschinell, hat man immer überreife und unreife Kapseln mit ein der Maschine, die sich nur zum Teil mechanisch auslösen lassen. Qualitativ hochwertige Baumwolle muss in vielen Durchgängen reif handgepflückt werden, was logischerweise teurer ist. Andererseits kann man, erwischt man ein Produkt aus solcher Baumwolle („Mako“-Baumwolle z.B.), sicher sein, dass die Pflanzen vor der Ernte nicht mal eben mit Agent Orange entlaubt wurden, was sich neben einigem anderen Zeugs zum Aussortieren unerwünschter Pflanzenreste und diversen Pflanzenschutzmitteln in der Monokultur etc. in euren Shirt wiederfindet...

Der Weltmarktanteil an Biobaumwolle beträgt derzeit etwa 1%. Seltsamerweise ist ein Vielfaches davon in der weltweit umgeschlagenen Baumwollproduktion angeblich aus Biobaumwolle. Bei einem Test der Stiftung Warentest konnte 2011 nur hess natur wirklich sicher nachweisen, dass sein Bio-T-Shirt aus Biobaumwolle ist. Über den Faktor „bio“ hinaus gibt es aber noch andere Faktoren (soziale Ausbeutung wie Kinderarbeit etwa), die einen schlucken lassen beim Kleiderkauf, andererseits, und das wollte ich mit dem Beispiel des Handpflückens oben andeuten, kann Baumwolle auch hochwertig sein, ohne dass sie gleich bio sein müsste.

Leinen lässt sich interessanterweise überhaupt nicht chemisch irgendwie leichter ernte- oder verarbeitbar machen, die mechanischen Verarbeitungsmethoden sind uralt. Insofern ist Leinen quasi immer bio.

Hanf schließlich könnte Baumwolle in vielen Bereichen leicht ersetzen. Aber da gibt es eine Rauschmittelverordnung in Deutschland, die den Anbau schwierig macht. Eine Jeans aus Hanf würde ich gerne probieren.

Das waren aber streng genommen noch nicht alle Stoffe aus natürlichen Substanzen, denn es gibt auch noch Kunstfasern aus natürlichem Rohstoff. Das sind alles zellstoffbasierte Fasern, die nach unterschiedlichen Verfahren und mit unterschiedlichen Eigenschaftsdesigns entwickelt worden sind. Zu nennen sind hier Viskose, Modal, Tencel® und Lyocell

Diesen Vorteil haben auch Chemiefasern, also irgendwelche Poly-Derivate. Sie nehmen praktisch keine Feuchtigkeit auf, was u.U. erwünscht sein kann, etwa in Sportfunktionswäsche, wo sie die Feuchtigkeit nach außen leiten, ohne selber nass zu sein. Die wichtigsten Chemiefasern sind Polyester, das sehr reiß- und scheuerfest ist und daher oft als Beimischung zur Stabilisierung verwendet wird (Diolen®, Trevira®), und Polyamid (Nylon, Perlon®....), das quasi gar nicht knittert.


Die Stoffart
Man unterscheidet Gewebe und Gewirke. 

Gewebe/ Webware wird im Grunde nach dreierlei Prinzipien hergestellt: In Leinwandbindung, also eins drüber, eins drunter, wie wir das in der Grundschule am Webrahmen gemacht haben, in Köperbindung, wo nach bestimmten Prinzipien mehrere Fäden zusammen überwebt werden, und in Atlasbindung, wo mit langen Fadenketten gearbeitet wird. Damast oder Jacquard sind Varianten der Köperbindung.
Je nach Ausgangsmaterial und Webfestigkeit entstehen höchst unterschiedliche Stoffqualitäten.

Gewirke sind Strickstoffe. Man unterscheidet im Wesentlichen Jersey („Single“ Jersey ist dünn und quasi glatt rechts gestrickt, rollt sich also leicht auf) und Sweat (aus dickerem Stoff glatt rechts gestrickt und meist von links angerauht) sowie Interlock (im Grunde patent oder halbpatent gestrickt, sehr gerade und stabil). Sonderformen sind mehrfädig gestrickte Gewirke (Kettenwirkware), die mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden sind, sich aber weniger aufrollen.

Alle Gewirke werden heute im Schlauch gestrickt, was bewirkt, dass sie sich minimal (Interlock) oder z.T. sehr stark (Single Jersey, zudem mauer Qualität) diagonal verziehen, meist nach der 1. Wäsche. Ihr habt alle solche verdrillten Shirts im Schrank, vermute ich. Beim Selbermachen hilft, den Stoff vor Verarbeitung zu waschen, aber wenn man fertig Konfektioniertes kauft, ist es Glücksspiel.

Die Kombinationsmöglichkeiten von Material und Verarbeitungsweise sind unendlich. Auf dieser Site findet ihr sehr hochwertige Stoffe. Klickt euch mal durch, um zu sehen, welche Unterscheidungskriterien da so aufgetan werden – wenn da Neuzugänge verzeichnet werden, finde ich oft auch erstmal vor allem "böhmische Dörfer".

Wie erkenne ich denn jetzt gute Qualität bzw. was soll ich kaufen?
Von der Ausgangslage her gibt es keine „guten“ und „schlechten“ Rohstoffe, alle haben Eigenschaften, die geeignet sein können oder eben nicht. Am Beispiel der Baumwolle kann man schon erkennen, dass bereits bei Anbau und Ernte darüber entschieden wird, ob das Material mal ein "gutes" Kleidungsstück werden kann. 

Auch die Art des Gewebes oder Gewirkes ist nicht per se zu beurteilen, sondern jeweils gemäß dem Zweck. Feste Stoffe kaschieren gut, sind aber oft sperrig und täuschen mehr Körperfülle vor als vorhanden. Fließende Materialien hingegen verraten viel mehr, als uns lieb ist. Ich bevorzuge sie für Unterwäsche, sonst eher nicht. Gewirke fließt eher als Gewebe.

Oft ist nicht drin, was draufsteht. Das oben angegebene Beispiel mit der Biobaumwolle veranschaulicht das. Häufig ist mehr Kunstfaser drin als angegeben. Ob der Stoff (Leinen, Baumwolle, aber auch Fleece) pillt oder nicht, weiß ich erst nach 2x Tragen, egal, was der Hersteller verspricht. Ob der Stoff sich verzieht oder labberig wird, weiß ich erst nach der dritten Wäsche. Es ist ein Mysterium. Was soll ich tun?

Nun, es gibt zwei Wege, Qualität zu erkennen:
Faustregel 1: Markenstoffe (erkennbar am ® im Wäschezeichen, v.a. bei Kunstfasern wichtig) verhalten sich zuverlässiger. Ich kaufe zum Selbernähen ausschließlich Stoffe von verlässlichen Markenanbietern (Hilco, Westfalen, Stenzo, Bizzkidds, Florence, Anita Pavani...) und wasche sie vor Verarbeitung, z.T. mehrfach; bei Konfektion aber muss man gerade bei Nichtmarkenkleidung meist auf Regel 2 zurückgreifen: Erfahrung.
Geht mal euren Schrankinhalt durch. Da gibt es Sachen, sie sind –zigmal gewaschen worden und immernoch schön. Was ist das für ein Material? Welche Firma hat das Kleidungsstück hergestellt? Schaut euch den Stoff genau an, was macht ihn aus? Vergleicht ihn mit einem schnell verschlissen wirkenden Stück. Was ist anders?
Im Laden fühlt den Stoff. Ist da irgendein „Zeug“ drauf – Ausrüstungsrückstände, die nach Auswaschen einen Putzlappen zurücklassen? Riecht er komisch? Das ist ein Hinweis auf Chemiebedampfung zur Vortäuschung falscher Tatsachen.
Schaut auf die Verarbeitung. Hersteller mit Anspruch werden gute Stoffe sauber verarbeiten. Strick: Ist es „fully fashioned“ oder einfach in Form geschnitten? Shirts: Sind die Ärmel erst zusammengenäht und danach erst umgesäumt, d.h. gibt es saubere Abschlüsse? Treffen unter dem Arm die 4 Nähte in einem exakten Kreuz aufeinander? Hosen: Ist die Hose von innen genauso sauber verarbeitet wie von außen? Alle Nahtzugaben sauber auseinandergebügelt?
Mehr kann man kaum tun – Fehlkäufe aber nachtragend merken und die Marke meiden. Ich hab auch schon Sachen nach der 1. Wäsche umgetauscht, wenn die verzogen waren, aber meist sind die Kaufhäuser und Boutiquen da wenig kulant.
Bleibt noch das schlechte Gewissen in Anbetracht der Umweltsauerei und der sozialen Ungereimtheiten gerade in der Bekleidungsindustrie. Die Arte-Dokumentation "Schick, aber schädlich" öffnet da wirklich erschreckende Dimensionen neuer Sichtweisen. Auch die NDR-Produktion Der Preis der Blue-Jeans zum Thema ist interessant. Meine - noch nicht zufriedenstellende, aber immerhin fürs erste hinreichende - Antwort darauf ist, nach wirklich Hochwertigem Ausschau zu halten, Fehlkäufe zu vermeiden und so eher wenige Stücke eher lange tragen zu können. Bei Kinderkleidung bleibt der Weg, über Second-Hand die Produktion von unverantwortbaren Massen nicht noch anzuheizen. Und natürlich gilt es, hier wie dort Billigprodukte von Massenketten zu meiden. Mein persönlicher dritter Weg ist die eigene Herstellung (garantiert kinderarbeitsfrei) von Kleidung aus sehr hochwertigen, in aller Regel in Europa nach brauchbaren Umwelt- und Sozialstandards gefertigten Materialien.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung --- Folge III

Das gerade Saumende bei Oberteilen
Eigentlich enden fast alle Shirts und Pullover auf der breitesten Stelle der Hüfte. Und jetzt? Nun, die bequeme und beliebte Wirkware obenrum, Shirts und Co., haben tatsächlich fast immer einen geraden Saum, der meist mitten auf der Hüfte endet und den Blick genau auf diese Kante lenkt. Bei den allermeisten Frauen ist das nicht besonders geschickt. Außerdem haben diese Stoffe die Neigung, am Popo hochzurutschen und da kleben zu bleiben, was den Blick erst recht auf die Kehrseite richtet und zugleich von vorn einen seltsamen Faltenwurf erzeugt. Nicht gut. Längere Shirts sind nur bedingt eine Lösung, weil auch diese hochrutschen, mit verstärktem Effekt – zum großen Teil liegt das an den Adhäsionskräften der innen rauen Wirkware. Besser sind Blusen aus glatter Webware, die allein aus Materialgründen kaum hochrutschen und nicht am Hosenstoff kleben, vielleicht auch mit Schößchensaum zur Auflockerung der gerade im Fokus stehenden Linie. Auch (gefütterte) Jacketts mit gerundeten Kanten sind eine Option – nur so für den Fall, dass ihr mal ganz schick... 

Hier habe ich - ganz unverdächtig - Kleiderständer gezeichnet.
Die variierte Saumkante rechts lenkt den Blick eindeutig weiter nach oben
und weg von der Krisenstelle, die die gerade Saumkante links gnadenlos markiert.
Bei einem 36er Kleiderständer, wohlgemerkt!

Aber die nicht zu Unrecht beliebten, weil bequemen und pflegeleichten Shirts lassen sich durchaus tragen: mithilfe von Linienunterbrechern und Blicklenkern. Eine gute Lösung sind eher lockere, glatte, ärmellose Shirts plus Herzwärmer, weil diese die Busenform betonen und den Blick dahin lenken, zugleich das  Shirt, unterhalb des Busens auf Linie bringen, sodass es nicht baumelig-bauchvortäuschend runterhängt. Baumwollene Shirts aus Interlock-Ware sind schwerer und glatter als solche aus Single-Jersey und fallen besser; auch Viscose oder Seide neigen weniger zum krabbeln und Klettern.
Eine andere Möglichkeit sind schmalere Shirts unter einer leichten Strickjacke, die entweder offen getragen werden oder je nach Vorliebe oben oder mittig mit zwei Knöpfchen geschlossen werden kann.

Oberteile und ihre Formen
 
A-Linie oder nicht? 

Wer obenrum eher schmal ist mit mäßig Busen, aber breite Hüften hat, dem schmeichelt diese Form, weil sie ja die Figur nachzeichnet, aber den Blick auf den Busen (!) lenkt und nicht auf die vermeintlich weniger attraktiven Hüften. Wer eine passable Taille hat (nicht nur von der Seite gucken, bei Frauen, die Kinder geboren haben, ist der Bauch selten ganz flach, aber von hinten und von vorne sieht man doch deutlich, ob es unterhalb der Rippen schmal zuläuft oder eher nicht!), kann Formen tragen, die den Blick darauf lenken. Dabei muss gar nicht unbedingt ein breiter (unbequemer) Gürtel her, aber die Shirts können z.B. gleich unterhalb der Taille enden (auch dann rutschen sie am Po nicht hoch), die Ärmel können überschnitten sein.

Blusen und Busen

Bleibt noch das Problem mit den Blusen und dem Busen . Konfektionierte Oberteile sind meist auf B-Cups ausgerichtet . Gute Firmen haben den Mangel mittlerweile erkannt, es lohnt sich also, mal eine gut sortierte Fachabteilung aufzusuchen. Zumindest Trägerinnen von C- und D-Cups sollten da fündig werden. Die Änderungsschneiderin kann hingegen bei zu viel Busen im Vergleich zur Blusennorn nicht wirklich helfen, da muss über die gesamte Länge ein kurviges Stück mehr eingearbeitet werden; bei einer zu großen Bluse müssten alle anderen Nähte geändert werden, das lohnt nicht. Es gibt aber inzwischen Bodyscanner (ehrlich! ) in den Fachabteilungen großer Einzelhandels-Klamottiers, mit deren Ergebnissen geht der Maßschneiderauftrag nach Indien und nach einer Woche hast du perfekt sitzende Blusen für relativ kleines Geld. Bei Maßhemden für Männer ist das schon fast Standard, so gefertigte Damenblusen muss man noch etwas suchen, aber nicht lange... Das ist zwar immer noch ein bisschen teurer als das Schnäppchen aus dem Kaufhaus, aber dafür passt die wenigstens und die aus dem Kaufhaus eben nicht. Falls es also mal Bluse und Jackett für offizielle Anlässe sein müssen – wie viele braucht ihr davon?

Damit der Busen so richtig zur Geltung kommt (und die BHs wirklich sitzen), kann frau z.B. nach England fahren und sich bei einer Brafitterin schlau machen oder sich ersatzweise auf der Site der www.busenfreundinnen.net umtun und dann (in England?) passende Bras ordern. Es lohnt sich!

Lenke den Blick nach oben!

Lenke den Blick nach oben, aufs Gesicht! D.h. am Gesicht sollte eine hellere Farbe oder eine leuchtendere verwendet werden als sonst. Das kann das hellere Shirt auf die dunklere Hose sein, das kann das farbige Seidentuch, das kann eine hübsche Kette sein. Aber: Weniger ist mehr. Ich finde, Brille, roter Lippenstift und Kette sind schon fast zu viel in einem einzigen Gesicht. Auch noch Schlenkerohrringe und Vollmakeup UND glitzerige Haarspangen in der Hochsteckfrisur dazu sind es sicher. So ist das auch mit der Kleidung: Gute, ggf. edle Stoffe, einfache Schnitte ohne viel Schnickschnack und Applikationen und aufgesetzten Taschen und und und, eher Ton in Ton, tendenziell eher dunkel und/ oder Naturfarben, das ist für eine Grundgarderobe ein guter Maßstab. Einzelne Stücke mit fröhlichen Farben, faszinierenden Mustern oder schrägen Schnitten können je nach Laune dazu kombiniert werden. Manchmal aber  verschwindet aber der Mensch hinter den Klamotten – womit wir wieder beim Anfang wären.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Update Schneiderinnentipps

Endlich, endlich habe ich den 2. Teil der Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung einstellen können. Jetzt wird es hoffentlich etwas fixer weitergehen, ich habe noch mit Zeichnungen und Fotos gerungen...

Den 1. Teil habe ich nochmal überarbeitet, indem ich ihn mit zwei Zeichnungen ergänzt habe.

Viel Spaß beim Lesen!

Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung --- Folge II

Oberteile


Passende Oberteile finden


Wenn Kleidung im gesamten Rumpfbereich „locker umspielend anliegend“ sein soll, betrifft das im Wesentlichen das Oberteil. Es darf also nicht zu weit und nicht zu eng sein (logisch, oder?).

Die Schulternähte sollen wirklich auf der Schulter sitzen, die Ärmel sollen genau über dem Ende des Schulterknochens ansetzen (ärmellose Kleidungsstücke können den Ärmelausschnitt ein kleines Stückchen davon nach innen versetzt haben, sodass der Schultermuskel als schöne Rundung zu sehen ist; leicht überschnittene Schultern bei einem taillierten Kleidungsstück können die Taillenbetonung hervorheben)



Hier gezeichnet sind die Rückenansichten.
Rechts, beim ärmellosen Teil, kann die Schulternaht
deutlich weiter nach innen versetzt sein
als beim exakt sitzenden Oberteil mit Ärmeln.


Abnäher sollen genau auf die Nippel zielen, aber etwa 2 cm davor glatt enden.
Egal, ob der Abnäher, wie üblich, von der Seite kommt oder von unten:
Der ideale Endpunkt ist analog der Richtung immer derselbe.


Der Halsausschnitt, egal welcher Art, soll überall anliegen – ganz häufig steht er hinten ab, weil mit den Jahren der Schreibtischarbeit Kopf und irgendwann auch Schultern ein wenig nach vorne wandern – dann passt das Teil nicht, also wieder weghängen! 

Im Bild ist nicht nur zu erkennen, dass der Halsausschnitt hinten unschön absteht,
man sieht auch, dass er vorne wellt und dass sich
v.a. im Rückenteil einige Falten bilden, wo sie nicht erwünscht sind.


Faltenwurf an Stellen, die nicht vom Design vorgesehen sind, weisen immer auf Passformmängel hin. Die mögen im Schnitt liegen oder daran, dass die eigene Figur nicht mit dem Schnitt zusammenpasst, die Zukunft eines solchen Stückes sollte nicht in den Tiefen deines Kleiderschrankes enden, daher: Zurückhängen und weitersuchen!



Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung - Vorschau auf die nächsten Folgen:
  • Das Saumende bei Oberteilen
  • Oberteile und ihre Formen
  • Hosen-Passform-Guide
  • Ideale Rockformen und -längen
  • Materialien und ihre Eigenschaften

Samstag, 1. Oktober 2011

Schneiderinnentipps für gut sitzende Kleidung --- Folge I

Lange versprochen geht es jetzt endlich los mit den Schneiderinnentipps. Auf euer Feedback bin ich gespannt. Hier zunächst Teil 1:


Kleidung und Persönlichkeit

Wie ich auf andere wirke, hängt zu einem nicht geringen Teil von meiner Kleidung ab. Sie ist ein Teil meiner Gesamterscheinung – also sollte sie meine Persönlichkeit vorteilhaft unterstreichen, nicht aber die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, auch nicht im positiven Sinne – wer sich an mich an die „gutgekleidete Frau mit der phantastischen Bluse“ erinnert, macht vielleicht meinem modischen Geschmack ein Kompliment, ich als Mensch bin aber nicht wahrgenommen worden.

Was zu mir passt und worin ich mich wohlfühle, geht miteinander einher. Kleidung, die mich einengt, die mein Temperaturgefühl durcheinanderbringt, in der ich mich verkleidet fühle, kann nicht die richtige sein, egal, was die Verkäuferin in dem teuren Laden gesagt hat. Mein unglücklicher, angestrengter, unsicherer Gesichtsausdruck wird die Gesamterscheinung negativ dominieren. Es gibt im Netz, zwischen Buchdeckeln und im Real Life Legionen von Stilberatern; wohl jede Frau weiß auch so um ihre besonderen Vorzüge und ihre kleinen figürlichen Schwächen. Bei aller Selbstkritik hat sich aber bewährt, nicht etwa die kleinen (selbst oft viel zu stark wahrgenommenen) Schwachstellen zu verdecken, sondern vielmehr den Blick zu lenken auf einen einzelnen Vorzug, einen Hingucker.

Viel Stoff kaschiert?

Ich verrate euch jetzt ein Geheimnis. Das mit dem „viel Stoff kaschiert unliebsame Stellen“ ist eine Lüge. Wenn das wahr wäre, würden wir alle in hawaiianischen Mouhmouhs rumlaufen und sähen fantastisch aus. Im Gegenteil: Viel Stofffülle täuscht viel Körperfülle vor. Kleidung, die mir zu weit ist, lässt mich fett und unförmig aussehen. Kleine Frauen „ertrinken“ regelrecht in solchen Kleidungsstücken, große Frauen wirken wie unförmige Positionsbojen.


Hier habe ich dasselbe Model abgezeichnet, superschlank,
und je einmal mit einem locker umspielenden
und einmal mit einem viel zu weiten Kleid dargestellt. Was wirkt nun besser?
Das funktioniert durchaus auch dann,
wenn ein paar Rundungen zu viel zum "Verstecken" einladen -
was gut sitzt, sieht einfach besser aus.

Das soll nun nicht heißen, dass wir uns in Wurstpellen zwängen sollen: das würde jedes Röllchen gnadenlos freiliegen (muss ja nun auch nicht sein) und v.a. den Blick genau darauf lenken. Das Geheimnis liegt in Folgendem: Kleidung soll über den gesamten Rumpfbereich die Figur nachzeichnen, also locker umspielend anliegen. Und zwar bei jeder Figur, also gleichgültig, ob eine Taille vorhanden ist oder nicht, irgendwo Knochen unliebsam vorstehen oder Speck auf der Hüfte wohnt.